Arzneistoffe von A-Z
Alles zu Wirkstoffen
 



Acetylcystein



 

Acetylcystein

Formel Acetylcystein (ACC, NAC)

Wirkstoffklasse

  • Expectorans
  • Sekretolytikum (Schleimlöser)

Fertigpräparate (Auswahl)

  • ACC® akut
  • Fluimucil®
  • Acemuc®

Wirkung

Acetylcystein wirkt bei chronischer Bronchitis oder Mukoviszidose protektiv bezüglich der Häufigkeit und Schwere bakterieller Exazerbationen.
Das Vorliegen einer reaktiven SH-Gruppe im Molekül von Acetylcystein sowie die Bildung von Cystein als Hauptmetaboliten sind für die günstigen Wirkungen bei speziellen Vergiftungen verantwortlich (z.B. Paracetamolvergiftung).

Wirkungsmechanismus

Der Wirkungsmechanismus von Acetylcystein bei der Behandlung von Bronchitiden sowie anderen chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen ist nicht letztlich geklärt. Bei Patienten mit chronischer Bronchitis oder Mukoviszidose ist ein protektiver Effekt bezüglich der Häufigkeit und Schwere bakterieller Exazerbationen durch die prophylaktische Gabe von Acetylcystein beschrieben.
Möglicherweise reduziert die SH-Gruppe der Substanz Disulfidbrücken in den Mukopolysacchariden und Glykoproteinen des Bronchialschleims, wodurch dieser verflüssigt wird. Daneben soll Acetylcystein im eitrigen Schleim einen depolymerisierenden Effekt auf die DNA-Fasern ausüben. Außerdem wurde eine Beeinflussung von Entzündungsmediatoren (Interleukin 12, Interleukin 10) in Alveolarmakrophagen beschrieben.
Die wichtigste Eigenschaft scheint jedoch die antioxidative Wirkung der Substanz selbst wie auch des Metaboliten Cystein, der die Konzentration des körpereigenen Antioxidans Glutathion erhöht, darzustellen. Durch ein vermehrtes Angebot dieser Substanzen kommt es zu einer Verringerung des durch Entzündungsvorgänge ausgelösten oxidativen Stress im bronchopulmonalen System.

Die Wirksamkeit von Acetylcystein als Antidot bei Vergiftungen mit Paracetamol beruht ebenfalls auf der freien Sulfhydryl-Gruppe. Sie bindet den reaktiven hepatotoxischen Metaboliten von Paracetamol, N-Acetyl-p-benzochinonimin, mittels Radikalfänger-Funktion.
Ferner trägt Acetylcystein über seinen Metaboliten Cystein zu einer erhöhten Synthese von Glutathion bei. Glutathion bindet physiologischerweise reaktive Metaboliten.
Zudem soll Acetylcystein die Verfügbarkeit des aktiven Sulfats erhöhen und damit zu einer Steigerung der Sulfatkonjugation der entstandenen Metaboliten beitragen.
Der Hauptmetabolit von Acetylcystein, Cystein, hemmt Cytochrom P 450, das zur Metabolisierung des Paracetamols zu N-Acetyl-p-benzochinonimin beiträgt.
Acrylnitril und Methacrylnitril werden über die SH-Gruppe von Acetylcystein gebunden und somit detoxifiziert.

Bei Vergiftungen mit Methylbromid, einem Alkylierungsmittel, wirkt die SH-Gruppe des Acetylcysteins als Methylgruppenakzeptor (Radikalfänger).
In einer Studie wurde bei Patienten mit leichter Niereninsuffizienz durch prophylaktische Gabe von Acetylcystein ein protektiver Effekt bzgl. einer weiteren Schädigung der Niere durch Iod-haltige Kontrastmittel beobachtet. Auch dieser Effekt soll auf einem Abfangen reaktiver Sauerstoff-Verbindungen beruhen.
Lokal (kutan) wurde Acetylcystein in einer Studie mit einer einzigen Patientin erfolgreich gegen Ichthyosis eingesetzt, weitere Untersuchungen stehen aus.
Die okuläre Anwendung von Acetylcystein wird v.a. auf eine Hemmung der Kollagenase zurückgeführt.

Gegenanzeigen (Kontraindikationen)

Im Folgenden sind absolute Gegenanzeiegn (Situationen in denen der Arzneistoff auf keinen Fall verabreicht werden sollte) und relative Gegenanzeigen (Situationen in denen der Arzneistoff nur mit Vorsicht verabreicht werden sollte) aufgelistet. Für genauere Informationen bzw. Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.

Absolute Gegenanzeigen
Sekretolyse:
- Überempfindlichkeit gegenüber Acetylcystein
Sekretolyse, parenterale Behandlung:
- Möglichkeit der oralen Behandlung
- Lebensalter <10 Tage

Relative Gegenanzeigen
Sekretolyse:
- Leberversagen (reduzierte Zufuhr Stickstoff-haltiger Substanzen)
- Nierenversagen (reduzierte Zufuhr Stickstoff-haltiger Substanzen)
- Asthma bronchiale
- Ulcus-Anamnese
- Schwangerschaft
- Stillzeit
- Lebensalter <1 Jahr (Anwendung nur bei lebenswichtiger Indikation und unter strengster ärztlicher Kontrolle, parenteral nur unter stationären Bedingungen)
- Kinder <= 2 Jahre (Anwendung unter besonderer ärztlicher Kontrolle)

Nebenwirkungen (unerwünschte Wirkungen)

Es handelt sich hier um eine vollständige Liste der bekannten Nebenwirkungen, für genauere Informationen bzw. Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.

Unerwünschte Wirkungen, ohne Angabe der Häufigkeit
orale/parenterale Behandlung zur Sekretolyse:
- Minderung der Blutplättchenaggregation

Sehr häufige unerwünschte Wirkungen (> 1/10)

parenterale Behandlung als Antidot:
- Abfall des Prothrombinwertes (Kausalzusammenhang nicht vollständig geklärt, u.U. Intoxikationssymptom)

Häufige unerwünschte Wirkungen (> 1/100)

parenterale Anwendung als Antidot:
- anaphylaktische Reaktionen mit Urtikaria, Angioödem, Bronchospasmus, Tachykardie, Hypotonie

Gelegentliche unerwünschte Wirkungen (> 1/1000)

orale/parenterale Behandlung zur Sekretolyse:
- Stomatitis
- Kopfschmerzen
- Tinnitus
- Sodbrennen
- Übelkeit
- Erbrechen
- Durchfall
- allergische Reaktionen: Juckreiz, Urtikaria, Exanthem, Rash, Bronchospastik, Angioödem, Tachykardie, Blutdrucksenkung
parenterale Anwendung als Antidot:
- Hautausschlag
- Übelkeit
- Erbrechen

Seltene unerwünschte Wirkungen (> 1/10000)

orale/parenterale Behandlung zur Sekretolyse:
- Blutungen, z.T. im Rahmen von Überempfindlichkeitsreaktionen, Minderung der Thrombozytenaggregation (ungeklärte klinische Relevanz)
- v.a. bei vorbestehendem hyperreaktivem Bronchialsystem, Asthma bronchiale: Dyspnoe, Bronchospasmen

Sehr seltene unerwünschte Wirkungen (< 1/10000)

orale Behandlung zur Sekretolyse:
- schwere Hautreaktionen wie Stevens-Johnson-Syndrom oder Lyell-Syndrom (Kausalzusammenhang nicht vollständig geklärt)
- anaphylaktische Reaktionen bis hin zum Schock