Galantamin (auch Galanthamin von
galanthus)
ist ein tertiäres Pflanzenalkaloid, das aus dem Kleinen
Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), dem Kaukasischen
Schneeglöckchen (Galanthus woronowii) sowie einigen
Narzissenarten
wie der Gelben Narzisse (Osterglocke) gewonnen werden kann. Heute kann
der Wirkstoff auch synthetisch hergestellt werden. Erstmals isoliert
wurde er 1953 aus den Zwiebeln des Kaukasischen
Schneeglöckchens.
Anfangs setzte man den Wirkstoff unter anderem zur Aufhebung der durch
Curare-Verbindungen ausgelösten Muskelentspannungen bei
Operationen ein.
Wirkstoffklasse
Acetylcholinesterase-Hemmer
indirektes
Parasympathomimetikum
Antidemntivum
Fertigpräparate
Reminyl®
Wirkung
Das Antidementivum Galantamin ist ein
selektiver und reversibler Acetylcholinesterase-Hemmer. Es wird zur
symptomatischen Behandlung leichter bis mittelgradiger Demenz vom
Alzheimer-Typ angewendet.
Wirkungsmechanismus
Bei den indirekten Parasympathomimetika
(Cholinesterase-Blockern) unterscheidet man neben den zentral wirksamen
Substanzen (wie Tacrin, Rivastigmin) Carbamidsäure-Derivate
(Physostigmin-Gruppe) und Phosphorsäureester (Alkylphosphate).
Sie
reagieren reversibel mit dem esteratischen Zentrum des Enzyms
Acetylcholinesterase unter Bildung von Carbamidsäure- bzw.
Phosphorsäureestern des Enzyms. Dadurch wird der enzymatische
Abbau des Acetylcholins in cholinerge Synapsen verhindert. Als Folge
beobachtet man eine Verlängerung und Verstärkung
muskarinischer und nicotinischer Effekte des Acetylcholins. Es kommt zu
einer Erhöhung des Parasympathikustonus und des Tonus der
quergestreiften Muskulatur.
Während die Hydrolyse und damit die Regenierung des Enzyms bei
den
Carbamidsäure-Derivaten relativ rasch erfolgt, wird das
phosphorylierte Enzym nur sehr langsam gespalten. Man bezeichnet daher
- im strengen Sinne zwar nicht ganz korrekt, aber für die
Praxis
brauchbar - die Carbamidsäure-Derivate als reversible, die
Phosphorsäureester als irreversible Cholinesterase-Blocker.
Der therapeutische Nutzen solcher Cholinesterase-Hemmer liegt in der
Behandlung des Morbus Alzheimer, des Glaukoms und anderer
ophthalmologischer Erkrankungen, in der Verbesserung der
gastrointestinalen sowie der Blasenmotilität (z.B. bei
paralytischem Ileus und Harnblasenatonie) und in der Beeinflussung der
Aktivität der neuromuskulären Endplatte der
Skelettmuskulatur
wie es z.B. bei der Myasthenia gravis erwünscht ist.
Außerdem werden sie als Antidot eingesetzt bei Vergiftungen
mit
Atropin oder Phenothiazinen bzw. tricyclischen Antidepressiva und um
die Wirkung von so genannten "nicht-depolarisierenden"
Muskelrelaxantien (z.B. Curare und Alloferin) aufzuheben. Zu
depolarisierenden Muskelrelaxantien (z.B. Succinylcholin) verhalten sie
sich jedoch synergistisch.
An allen postganglionär parasympathisch innervierten
Drüsen
wird nach Gabe von Cholinesterasehemmstoffen die Sekretion gesteigert.
Dies betrifft Bronchial-, Speichel-, Tränen- und
Schweißdrüsen.
Galantamin
ist ein tertiäres Alkaloid aus dem kaukasischen
Schneeglöckchen (Galanthus woronowii) und verwandten Arten,
dessen
Herstellung heute synthetisch erfolgt. Es hemmt selektiv, kompetitiv
und reversibel die Acetylcholinesterase. Als zweites Wirkprinzip
verstärkt Galantamin die intrinsische Aktivität von
Acetylcholin an nicotinergen Rezeptoren (lokalisiert vor allem im
Cortex, Hippocampus, Nucleus basalis Meynert), vermutlich durch
allosterische Modulation der Rezeptor-Bindungsstelle nach Bindung an
die alpha-Untereinheit des Rezeptors. Da der Verlust nicotinerger
Rezeptoren - zusammen mit der Bildung von Amyloid-Plaques sowie
intrazellulären Neurofibrillenbündeln - für
die
Neurodegeneration bei der Alzheimer-Erkrankung verantwortlich gemacht
wird, kann durch Galantamin bei den Patienten eine gesteigerte
Aktivität des cholinergen Systems, verbunden mit einer
Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten, erzielt werden.
Da Nicotinrezeptoren in großer Zahl präsynaptisch
lokalisiert sind, modulieren sie die Wirksamkeit anderer
Neurotransmittersysteme, welche wiederum Kognition und Verhalten
bestimmen. So zeigte Galantamin in vitro eine verstärkte
Ausschüttung von Glutamat, GABA, Serotonin und Dopamin.
Darüber hinaus hemmt Galantamin auch die im Plasma und in der
Leber vorkommende unspezifische Butyrylcholinesterase mit einer
Selektivität von 50:1. Im Spätstadium der Demenz vom
Alzheimer-Typ findet sich die Butyrylcholinesterase vermehrt in den
Gliazellen, die die im Rahmen einer Erkrankung untergegangenen Neurone
ersetzen. Ob eine Hemmung dieser Butyrylcholinesterase einen
therapeutischen Effekt auf das Spätstadium der Demenz vom
Alzheimer-Typ besitzt, ist derzeit noch unklar.
Im Tierexperiment verbesserte Galantamin medikamenteninduzierte
Störungen des Lernens und des Gedächtnisses.
In Studien am Menschen wurde die Wirksamkeit von Galantamin mit
folgenden Messinstrumenten erfasst:
- ADAS-Cog/11-Skala (Alzheimer's Disease Assessment Scale - cognitive
subscale), Test zur Bestimmung des Schweregrads und der
Verlaufsbeobachtung von demenziellen Symptomen, initial auch zu deren
Diagnostik
- ADCS-ADL-Skala (Alzheimer's Disease Cooperative Study Activities of
Daily Living Inventory) zur Messung der Aktivitäten des
täglichen Lebens
- DAD-Skala (Disability Assessment for Dementia Scale)
- NPI (Neuropsychiatric Inventory), Skala zur Erfassung von
Verhaltensauffälligkeiten
- CIBIC-plus (Clinical Interview-Based Impression of Change plus
caregiver input), globale Bewertung durch einen unabhängigen
Arzt,
basierend auf einem klinischen Interview mit dem Patienten und der
Betreuungsperson.
Gegenanzeigen
(Kontraindikationen)
Im
Folgenden sind absolute Gegenanzeiegn (Situationen in denen der
Arzneistoff auf keinen Fall verabreicht werden sollte) und relative
Gegenanzeigen (Situationen in denen der Arzneistoff nur mit Vorsicht
verabreicht werden sollte) aufgelistet. Für
genauere Informationen bzw.
Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum
oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.
Absolute Gegenanzeigen
- bekannte Überempfindlichkeit gegen Galantamin hydrobromid
- schwere Nierenfunktionsstörungen (Kreatinin-Clearance
<9 ml/min)
- schwere Leberfunktionsstörungen (Child-Pugh-Skala >9)
- gleichzeitiges Vorliegen von klinisch relevanten Leber- und
Nierenfunktionsstörungen
Relative Gegenanzeigen
Wie andere Cholinomimetika sollte Galantamin bei den folgenden
Erkrankungen bzw. Umständen mit Vorsicht angewandt werden:
kardiovaskuläre Erkrankungen:
- Patienten mit Sick-Sinus-Syndrom oder anderen
supraventrikulären Reizleitungsstörungen
- Patienten mit gleichzeitiger Einnahme von Arzneimitteln, die die
Herzfrequenz signifikant herabsetzen, wie z.B. Digoxin und Betablocker
- Patienten mit nicht korrigierten Elektrolytstörungen (z.B.
Hyperkaliämie, Hypokaliämie)
- Patienten unmittelbar nach einem Myokardinfarkt, neu aufgetretenem
Vorhofflimmern, AV-Block Grad II oder höhergradig, instabiler
Angina pectoris oder dekompensierter Herzinsuffizienz, besonders
NYHA-Gruppe III-IV
Gastrointestinale Erkrankungen:
- Patienten mit gastrointestinaler Obstruktion
- Patienten während der Rekonvaleszenz nach einer Operation
des Gastrointestinaltrakts
neurologische Störungen: Patienten mit
zerebrovaskulären Erkrankungen Atemwegserkrankungen:
- Patienten mit anamnestisch bekanntem schweren Asthma oder
obstruktiven Lungenerkrankungen
- Patienten mit akuten pulmonalen Infektionen (z.B. Pneumonie)
- Urogenitaltrakt: Die Einnahme von Galantamin wird bei Obstruktion der
ableitenden Harnwege oder während der Rekonvaleszenz nach
einer
Blasenoperation nicht empfohlen.
- Anästhesie: Aufgrund seiner cholinomimetischen Eigenschaften
kann Galantamin während einer Narkose die Wirkung von
Muskelrelaxanzien vom Succinylcholin-Typ verstärken,
insbesondere
in Fällen von Pseudocholinesterasemangel.
- Patienten mit seltenen angeborenen Störungen einer
Fructose-Intoleranz, Glucose-Galactose-Malabsorption oder
Saccharase-Isomaltase-Störung sollten Galantamin nicht
einnehmen.
- Da Cholinomimetika mit einer Verschlimmerung einer Depression in
Zusammenhang stehen, sollte die Anwendung bei Patienten mit
Suizidneigung mit Vorsicht erfolgen.
Nebenwirkungen (unerwünschte
Wirkungen)
Es
handelt sich hier um eine
vollständige
Liste der bekannten Nebenwirkungen, für genauere Informationen
bzw.
Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum
oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.
Unerwünschte Wirkungen,
ohne Angabe der Häufigkeit
- Flatulenz
- Hämaturie, Inkontinenz
- Anstieg der alkalischen Phosphatase
- Aphasie (Sprachstörungen)
- Apraxie (Bewegungsstörungen)
- Herzversagen
- Hypokinesie
- Melaena (Pechstuhl)
- paranoide Reaktionen
- Purpura
- Thrombozytopenie
Die Mehrzahl der Nebenwirkungen trat während der
Titrationsphase auf.
Die Nebenwirkungen Übelkeit, Erbrechen und Appetitminderung
wurden häufiger bei Frauen beobachtet.
Einige der beobachteten Nebenwirkungen lassen sich
möglicherweise
den cholinomimetischen Eigenschaften von Galantamin zuordnen oder
können in einigen Fällen Manifestationen oder
Exazerbationen
von bei der älteren Bevölkerung häufig
vorliegenden
Grunderkrankungen darstellen.
Sehr häufige unerwünschte Wirkungen (> 1/10)
- Erbrechen, Übelkeit