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Gyrasehemmer



 

Gyrasehemmer

Gyrasehemmer sind antibakteriell wirksame Substanzen mit Chinolon-Grundstruktur, die ihre Wirkung durch Angriff an der bakteriellen DNA entfalten. Sie inhibieren den bakteriellen DNA-Gyrase-Komplex (Gyrase=Topoisomerase 2: Topoisomerase vom Typ II) und die Topoisomerase 4 (ebenfalls eine Topoisomerase vom Typ II) und verhindern damit die für die Reproduktion der bakteriellen DNA erforderliche Entdrillung und Verdrillung (Supercoiling). Bei empfindlichen Bakterien kommt es dadurch zum Zusammenbruch des Stoffwechsels. In therapeutischen Konzentrationen wirken die Gyrasehemmer bakterizid.

Topoisomerasen besitzen eine wichtige Funktion bei der Replikation, Transkription, Rekombination und Reparatur der bakteriellen DNA. Eine wesentliche Bedeutung besteht in der speziellen Faltung (Überspiralisierung) der DNA zu einer Art Superhelix. Diese Verdrillung ermöglicht letztlich die Unterbringung des vergleichsweise langen Bakterienchromosoms in der extrem kleinen Zellhülle. Die DNA wird zunächst schraubenförmig gewunden und in sog. Verdrillungsbereiche (domains of supercoiling) organisiert. Eine weitere Reduktion des Raumbedarfs erfolgt dann durch die Überspiralisierung (supertwisting), d.h. nochmalige Aufwicklung der bakteriellen DNA, wobei dieWindungen der "supertwists" der linearen Schraubenform entgegengerichtet sind (negative Achsendrehung). Die Überspiralisierung ist ein ATP-verbrauchender Prozess. Er wird eingeleitet durch die Auftrennung des chromosomalen Doppelstrages durch die so genannten A-Untereinheiten der Gyrase.

Die Gyrase ist ein tetrameres Holoenzym und besteht aus zwei A- und B-Untereinheiten (A2-, B2-Dimere). Sie werden durch das Gyrase AGen (gyrA) bzw. Gyrase B Gen (gyrB) codiert. Die B-Untereinheiten sind vermutlich für die Einführung des "negativen" supertwists verantwortlich undliefern die notwendige Energie durch Spaltung von ATP. Der Verschluss des durchtrennten DNA-Stranges erfolgt wieder durch die A-Untereinheiten der Gyrase.
Eine Hemmung der Topoisomerase menschlicher Zellen erfolgt nicht, was sich daraus erklärt, dass die menschliche Topoisomerase offensichtlich keine Überspiralisierung der DNA induziert. Eine Komprimierung erfolgt hier vielmehr unter der Einwirkung chromosomaler Proteine, sogenannter Histone.

Der genaue Angriffsort der Chinolone ist nicht bekannt. Man geht aber davon aus, dass sie in den letzten Schritt des Geschehens eingreifen, indem sie den Gyrase-DNA-Komplex hemmen, der den chromosomalen Superstrang auftrennt, die "negativen" supertwists einführt und anschließend den DNA-Doppelstrang wieder verschließt. Chinolone wie Moxifloxacin inhibieren die A-Untereinheiten der Gyrase. Die B-Untereinheiten werden in der Regel nicht beeinflusst, sind aber an der Resistenzentwicklung gegenüber den Chinolonen beteiligt. Chinolone wie Moxifloxacin fixieren den Gyrase-DNA-Komplex in einem Reaktionsschritt, in dem die Gyrase kovalent mitder DNA verknüpft ist. Polymerisationsreaktionen entlang der DNA wie die DNA-Replikation und die Transkription kommen zum Erliegen, und es werden rasch Stressreaktionen (SOS-Antwort, Hitzeschockantwort) ausgelöst, deren Aufgabe die Notreparatur der DNA-Schäden ist. Um Zeit für die -fehlerbehaftete - SOS-Reparatur zu gewinnen, wird die Zellteilung vorübergehend angehalten. Chinolone bewirken eine dauerhafte Induktion der SOS-Antwort, die schließlich zum Zusammenbruch der Membranintegrität und letztlich zum Zelltod führt. Chinolone hemmen nicht nur die Synthese der chromosomalen DNA, sondern auch die von Plasmiden, bestimmten Bakteriophagenund Rekombinationsreaktionen, wodurch es zu weiteren Effekten, z.B. Elimination von Plasmiden, Hemmung der replikativen Transposition von Bakteriophagen oder Hemmung der Transformation natürlich kompetenter Zellen kommt.

Für einige Bakterien, z.B: Escherichia coli, Neisseria gonorrhoeae und Staphylococcus aureus, ist - in allerdings höherer Dosierung - auch eine Hemmung der Topoisomerase 4 nachgewiesen, eines für diese Erreger essentiellen Enzyms, das eine Rolle bei der Trennung (Decantierung) der replizierten DNA spielt. Die zwei Untereinheiten der Topoisomerase 4, ParC und ParE, und die oben erwähnten Untereinheiten der DNA-Gyrase (A2B2) sind homolog. Sie werden nach Untersuchungen an Staphylococcus aureus durch das Gyrase A-ähnliche (grlA) bzw. Gyrase B-ähnliche (grlB) codiert. Mutationen dieser Gene sind offensichtlich ebenfalls an der Resistenzentwicklung gegenüber den Fluorchinolonen beteiligt. Neuere Untersuchungen deuten ferner darauf hin, dass auch die molekulare Struktur der Fluorchinolone für die präferentielle Hemmung der DNA-Gyrase oder Topoisomerase 4 in bestimmten Bakterien verantwortlich ist. So wurde z.B. in Streptococcus pneumoniae für Ciprofloxacin, Clinafloxacin, Grepafloxacin, Levofloxacin und Trovafloxacin die Topoisomerase 4 als primäre Zielstruktur identifiziert, während Gemifloxacin und Sitafloxacin sowohl die DNA-Gyrase als auch die Topoisomerase 4 hemmen und Moxifloxacin und Gatifloxacin primär die gyrA-Untereinheit der DNA-Gyrase angreifen. Danach käme bei grampositiven Erregern der Substitution in Position 8 der Chinolincarbonsäure eine besondere Bedeutung für die im Vergleich zur Topoisomerase 4 erhöhte Aktivität gegenüber der DNA-Gyrase zu.


Man unterscheidet die Gyrasehemmer der 1. Generation (Nalidixinsäure, Pipemidsäure) und der 2. Generation (z.B. Ciprofloxacin, Norfloxacin, Enoxacin, Ofloxacin, Levofloxacin und Moxifloxacin). Die Gyrasehemmer der 2. Generation (Fluorchinolone) zeichnen sich durch ein verbreitertes Wirkungsspektrum, größere Wirkstärke, geringere Resistenzentwicklung und bessere Gewebegängigkeit aus. Dafür werden in erster Linie die Fluorsubstituenten verantwortlich gemacht. Während die Vertreter der 1. Generation gegen gramnegative aerobe Bakterien wirksam sind, erstreckt sich das Wirkspektrum der Fluorchinolone zusätzlich auch auf grampositive aerobe Keime, zellwandlose (atypische) Bakterien und Anaerobier.
Innerhalb der Gruppe der Fluorchinolone besteht eine komplette Kreuzresistenz.

Kreuzresistenzen bei Fluorchinolonen bilden sich heraus, wenn der Resistenzmechanismus auf Mutationen in der bakteriellen Gyrase basiert. Einzelmutationen führen gewöhnlich nicht zu klinischen Resistenzen. Multiple Mutationen hingegen führen im Allgemeinen zu klinischen Resistenzen gegenüber allen aktiven Substanzen innerhalb dieser Stoffklasse.
Undurchlässigkeit und/oder Resistenzen, die auf Effluxpumpen-Mechanismen der Substanz zurückzuführen sind, können unterschiedliche Auswirkungen auf die Empfindlichkeit gegenüber Fluorchinolonen haben. Ferner bestimmen die physikochemischen Eigenschaften der unterschiedlichen aktiven Substanzen innerhalb der Stoffklasse und die Affinität gegenüber Transportsystemen die Sensitivität gegenüber Fluorchinolonen. Von plasmid-codierten Resistenzen (qnr Gene) wurde berichtet.