Halothan ist der einzige, aber in Deutschland
nicht mehr als Narkosemittel verwendete halognierte Kohlenwasserstoff.
In der Tiermedizin findet es noch relativ breite Anwendung, wird aber
auch hier mehr und mehr durch moderne Inhalationsnarkotika
verdrängt.
Wirkung
Halothan, eine farblose Flüssigkeit mit süßem Geruch, reduziert wie alle modernen Inhalationsnarkotika die myoneuronale Übermittlung.
Halothan ist gut blut- und fettlöslich und flutet im Blut recht
schnell an und ab, weshalb es als Narkosemittel besonders geeignet ist.
Da Halothan sehr lichtempfindlich ist
(es wird zu flüchtigen Säuren zersetzt) wird es meist in
braunen Flaschen gelagert.
Wirkungsmechanismus
Halothan reduziert wie alle modernen
Inhalationsnarkotika die myoneuronale Übermittlung und erhöht
gleichzeitig den paralytischen Effekt von intravenös verabreichten
Muskelrelaxantien.
Inhalationsanästhetika beeinflussen die neuronale Aktivität
in spezifischen ZNS-Anteilen. Betroffen sind das retikuläre Gebiet
des Stammhirns, der cerebrale Cortex und der Hippocampus. Insbesondere
die Übermittlung von sensorischen Informationen zwischen Thalamus
und gewissen corticalen Regionen wird beeinflusst.
Im ZNS existieren eine relativ geringe Anzahl von Neuronen, welche
hochsensibel auf Anästhetika reagieren. Bei Weichtieren konnten
Neurone gefunden werden, die komplett durch Halothan supprimiert
werden. Solche supersensitive Neurone werden auch im ZNS von
Säugetieren vermutet. Im Rückenmark beeinflussen
Inhalationsnarkotika die exitatorischen und inhibitorischen
Neurotransmissionen.
Es wird angenommen, das Anästhetika die normale synaptische
Übermittlung durch Beeinflussung sowohl der prä- als auch der
postsynaptischen Aktionen unterbrechen. Als Ursache werden die
Wiederaufnahme von Neurotransmittern, sowie eine Veränderung der
Bindung von Neurotransmittern und der Leitfähigkeit diskutiert.
Inhalationsnarkotika beeinflussen nicht nur einen einzelnen
Neurotransmitter. Eine Anästhesie benötigt eine Balance
zwischen den verschiedenen Neurotransmittersystemen.
Nach der Meyer-Overton Theorie ist die Anzahl der aufgelösten
Zellmembran-Moleküle wichtig für die anästhetische
Wirkungsweise. Diese Theorie geht von einer Korrelation zwischen den
anästhetischen Eigenschaften und der Lipidlöslichkeit aus.
Gegenanzeigen
(Kontraindikationen)
Im
Folgenden sind absolute Gegenanzeiegn (Situationen in denen der
Arzneistoff auf keinen Fall verabreicht werden sollte) und relative
Gegenanzeigen (Situationen in denen der Arzneistoff nur mit Vorsicht
verabreicht werden sollte) aufgelistet. Für
genauere Informationen bzw.
Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum
oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.
Bei erhöhtem cerebrospinalen Flüssigkeitsdruck oder einem Kopftrauma sollte Halothan vorsichtig angewendet werden.
Bei Patienten mit Herzarrhytmien wird Halothan nur bei vorsichtiger Anwendung empfohlen.
Bei
Patienten, die eine schwere Hepatitis nach einer Halothannarkose
entwickelt haben, darf Halothan nicht verwendet werden. Bei Patienten
mit Ikterus oder anderen Symptomen, die mit einer verminderten
Leberfunktion assoziierbar sind, sollte Halothan mit erhöhter
Vorsicht angewandt werden.
Eine vorsichtige Anwendung von Halothan wird auch bei Patienten mit Myasthenia gravis empfohlen.
Halothan
sollte nicht bei Patienten, welche ein erhöhtes Risiko für
das Auftreten einer malignen Hyperthermie aufweisen, angewendet werden.
Halothan sollte bei Patienten mit einem Pheochromozytom (Herzarrhytmien infolge Katecholaminen) vorsichtig angewendet werden.
Ein
Risikofaktor, vor allem in der Humanmedizin diskutiert, ist die
Fettleibigkeit. Die Produktion von Halothanmetaboliten über den
oxidativen Weg ist bei adipösen Patienten signifikant erhöht.
Zudem ist der Metabolismus von Halothan bei obesen Patienten
verlangsamt.
Im Vergleich mit Isofluran, Alfentanil
und Ketamin zeigt Halothan bei der Anwendung während eines
Endotoxinschocks die negativsten Nebenwirkungen auf das
kardiovaskuläre System.
Ein Risikofaktor, der vor allem in der Humanmedizin diskutiert wird, ist die intrazelluläre Hypoxie.
Halothan sollte bei Fieber unbekannter Ursache nicht angewendet werden
Bei älteren Tieren ist das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen von Halothan erhöht.
Halothan vermindert den ösophagialen Sphinctertonus und sollte deshalb bei Refluxgefahr nicht verwendet werden.
Als Risikofaktor für das Auftreten von Nebenwirkungen gilt die wiederholte Anwendung von Halothan bei einem Patienten.
Nebenwirkungen (unerwünschte
Wirkungen)
Es
handelt sich hier um eine
vollständige
Liste der bekannten Nebenwirkungen, für genauere Informationen
bzw.
Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum
oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.
Halothan
wirkt stark depressiv auf Herz und Kreislauf. Die Hypotension ist
dosisabhängig. Der totale periphere Gefäßwiderstand
verändert sich nur geringfügig; folglich scheint der
Gefässwiderstand nicht der wichtigste Grund für die
Hypotension zu sein. Die Verminderung des Herzauswurfes ist durch das
verminderte Schlagvolumen bedingt. Dies entsteht durch eine direkte
Myokardwirkung des Wirkstoffes. Die durch Halothan induzierte
Hypotension kann mittels Volumenersatz und Dobutamin behandelt werden.
Halothan bewirkt eine stärkere Verminderung der Kontraktilität des Myokards als Isofluran und Desfluran.
Halothan
prädisponiert in Gegenwart von Katecholaminen das Herz für
prämature ventrikuläre Extrasystolen. Die Freisetzung von
Katecholaminen kann durch chirurgische Stimulation, ungenügende
Narkosetiefe oder durch einer Erhöhung des Partialdruckes des
alveolären CO2 hervorgerufen werden.
Halothan führt in-vitro zu einer Vasodilatation der grossen Herzkranzgefässe.
Halothan
reduziert dosisabhängig die transmurale Myokard-, Leber-,
Duodenal-, Nieren- und Skelettmuskulaturdurchblutung. Halothan bewirkt
im Vergleich zu Enfluran, Isofluran oder Sevofluran
eine dramatischere Verminderung des hepatischen arteriellen
Blutflusses. Bei Ponies, welche mit 1% MAC resp. 1,5% MAC
anästhesiert wurden, reduzierte sich die Durchblutung um 37% resp.
42%.
Halothan
reduziert signifikant den Herzauswurf und Sauerstoffverbrauch in
normoxischen und hypoxischen neugeborenen Lämmern, verglichen mit
einer paralysierten und beatmeten Kontrollgruppe.
Beim
fetalen Herz sind das sarkoplasmatische Retikulum und die T-Tubuli noch
nicht voll ausgebildet. Deshalb sind die Kalziumkanäle auf der
zytoplasmatischen Membran die primäre Quelle des
intrazellulären Kalziums. Aus diesem Grund ist das fetale Herz
besonders empfindlich auf die Kalziumkanal-blockierende Eigenschaft von
Halothan.
Durch
eine verminderte Kontraktilität des linken Herzventrikels kommt es
zu einem verminderten Blutdruck. Der Blutdruckabfall wird schon bei
einer niedrigen Dosierung beobachtet.
ZNS:
Halothan löst eine cerebrale Vasodilatation aus. Ein
möglicher Mechanismus für die arterielle Vasodilatation ist
ein vermehrter K+-Ausfluss durch eine verstärkte Öffnung der
Membran-Kaliumkanäle. Durch die vermehrte cerebrale Durchblutung
kommt es zusätzlich zu einem Anstieg des cerebrospinalen
Flüssigkeitsdruckes.
Leber:
Bei 20% der Patienten, denen Halothan verabreicht wird, entwickelt sich
eine milde Leberschädigung des Typs I. Diese ist charakterisiert
durch Übelkeit, Lethargie, Fieber und minimalen Anstieg der
hepatischen Aminotransferasen. Verursacht wird dies vor allem durch die
direkte Lebertoxizität der reduzierten Halothanmetaboliten
und/oder die Hypoxämie der Hepatozyten. Ein Anstieg der
Leberenzyme kann bis zu zwei Wochen nach der Narkose auftreten. Die
Anwendung von Halothan kann außerdem Leberödeme und
Veränderungen im hepatischen Metabolismus auslösen. Die
leberschädigende Wirkung wird durch einen tiefen Sauerstoffgehalt
zusätzlich verstärkt. Halothan führt auch zu einer
vorübergehenden Erhöhung der Werte bei Leberfunktionstests.
Bei
Katzen wird berichtet, dass eine durch Halothan induzierte Tachypnoe
entstehen kann. Diese wird von den rostralen Strukturen des Stammhirns
ausgelöst.
Halothan
vermindert den ösophagialen Sphinktertonus (unterer
ösophagialer Druck minus gastrischen Druck), damit steigt die
Gefahr des Refluxes.
Maligne
Hyperthermie (MH): ist eine Myopathie, welche durch Hypermetabolismus
und Kontraktur der Skelettmuskulatur charakterisiert ist. Sie beruht
auf einem genetischen Defekt, welcher eine falsche Nutzung von Calcium
in der Muskulatur bewirkt. Sie wird bei Schweinen, Pferden, Hunden und
Katzen beschrieben.
Schwein:
Maligne Hyperthermie kann bei prädisponierten Schweinen auch durch
Stress, eine zu warme Umgebung oder durch viele Injektions- und
Inhalationsanästhetika ausgelöst werden. Maligne Hyperthermie
wird beim Schwein autosomal rezessiv vererbt und basiert auf einer
Veränderung eines Basenpaares für den Gencode des
Ryanodinrezeptors im Skelettmuskel. Als Anwort auf einen
auslösenden Faktor geht die Kontrolle über das
intrazelluläre Kalzium verloren. Es kommt zu einem abrupten
Anstieg von ionisierten Kalziumionen, was wiederum zur Aktivierung der
Myosin-ATPase führt. Folgen sind Muskelkontraktionen und
Hitzeproduktion.Die typischen klinischen Zeichen sind erhöhte
Körpertemperatur bis zu 43°C, Muskelkrämpfe, Tachykardie,
Tachypnoe, extreme Hyperkapnie, Hypoxämie, Herzarrythmien,
unstabiler Blutdruck und Myoglobinurie. Im Serum sind Kalium,
ionisiertes Kalzium, Kreatinin-Kinase und Myoglobin erhöht.
Hund:
Beim Hund ist die Ursache für die MH ebenfalls ein genetischer
Defekt. Die Öffnung des Kalziumkanals kann durch Auslöser wie
Stress oder bestimmte Wirkstoffe (z.B. Halothan oder Koffein)
hervorgerufen werden. Beim Hund fehlen die typischen klinischen
Symptome der MH, wie sie beim Schwein beobachtet werden. Hunde mit
MH-Verdacht zeigen bei Anstrengung Hyperthermie, Muskelkrämpfe
oder Dyspnoe, die der Leistung nicht entsprechen. Sie besitzen einen
hypermetabolischen Stoffwechsel, charakterisiert durch Hyperthermie,
Hämokonzentration und Hyperlaktämie. Ausserdem ist die MH
beim Hund rasch reversibel und führt nicht immer zu einem
späteren Anstieg der Serummuskelenzymwerte. Die metabolische
Azidose wird durch eine respiratorische Alkalose kompensiert.
Veränderter
Metabolismus von Arzneimitteln: Die Leber ist während einer
Halothannarkose reduziert fähig, Xenobiotika zu metabolisieren.
Bei einem Versuch mit Propranolol war die Clearance um 62% vermindert.
Die intravenöse Halbwertszeit war eindeutig verlängert.
Halothan scheint eindeutig den Metabolismus von anderen Wirkstoffen zu
vermindern.
Hyperkaliämische
periodische Paralyse (HYPP): Bei einer 7-jährigen Quarter Horse
Stute wurde während einer Halothannarkose eine HYPP beobachtet.
Hier mag vor allem eine Hyperkapnie, gefolgt von einem Abfall des
Blut-pH-Wertes und einem Anstieg vom Plasma K+ zu einer Paralyse
geführt haben. Bei Pferden mit HYPP kann bereits ein leichter
Anstieg von Kalium zu einem Anfall führen.
Differentialdiagnostisch muss auch an die maligne Hyperthermie gedacht
werden.
Intraoperative Hypotension steigert signifikant das Risiko postanästhetischer Myopathien.
Zittern
in der Aufwachphase ist häufig. Gründe hierfür
können Wärmeverluste während der Narkose oder andere
krankheitsbedingte Mechanismen sein.
Erhöhte
Serum-Bromid-Konzentration: Bei Menschen wird Bromid als Spaltprokt von
Halothan als Ursache von Kopfschmerzen, Ataxien, Lethargie und
EEG-Veränderungen beschrieben (Tinker 1976). Sowohl beim Hund, als
auch beim erwachsenen Pferd, jedoch nicht beim Fohlen, sind die
Serum-Bromid-Konzentrationen während und nach einer
Halothannarkose signifikant erhöht. Die veterinärmedizinische
klinische Relevanz davon ist noch nicht geklärt.
Bildung
von Olefinderivaten: Das Abbauprodukt von Atemkalk, ein Olefin, ist
für Nager in einer Konzentration von 400 ppm toxisch. Verschiedene
Faktoren beeinflussen die Konzentration, z.B verstärkte
Rückatmung und erhöhte Körpertemperatur.