Ivermectin ist ein Gemisch verschiedener
halbsynthetischer Avermectine, die das Wirkungsspektrum von Avermectin
B1 und B2 besitzen (siehe Abamectin).
Wirkstoffklasse
Avermectin
(Makrozyklische Laktone)
Breitspektrumantiparasitikum
Fertigpräparate
Equimax®
Furexel®
Ivomec®
Wirkung
Ivermectin ist ein makrozyklisches
Lacton
oder Makrolid aus der Gruppe der Avermectine, die Stoffwechselprodukte
der Streptomycete Streptomyces
avermitilis
darstellen. Es wird in der Tiermedizin als Arzneistoff gegen
Ektoparasiten und Nematoden (Anthelminthikum) eingesetzt. In Frankreich
und den USA sind auch Humanarzneimittel mit Ivermectin u.a. zur
Behandlung der Krätze (Scabies) im Handel.
Wirkungsmechanismus
Der Wirkmechanismus der Avermectine
beruht auf der
Erhöhung der Membranpermeabilität von Nervenzellen
der
Nematoden und von Nerven- und Muskelzellen der Arthropoden für
Chlorid-Ionen. Avermectine besitzen die Fähigkeit an
Glutamat-aktivierte Chloridkanäle zu binden. Diese
Glutamat-kontrollierten Chloridkanäle sind typisch
für
Wirbellose und kommen bei höheren Tieren nicht vor. Die
Bindung
führt zur Öffnung oder beschleunigten
Öffnung der
Kanäle und somit zum Einstrom von Chloridionen in die Zelle.
Dadurch kommt es zur Hyperpolarisation der Zellmembran und somit zur
Blockierung der Erregungsüberleitung. Als Folge
können keine
exzitatorischen Stimuli die Motoneuronen (Nematoden) bzw. die
Muskelzellen (Arthropoden) mehr erreichen. Es kommt zu einer schlaffen
Paralyse und zum Tod der Parasiten. In der neueren Literatur wird
dieser Mechanismus als hauptverantwortlich für die
anthelminthische und insektizide Wirkung der Avermectine angesehen.
Bei Konzentrationen oberhalb der chemotherapeutisch relevanten findet
zusätzlich eine Bindung an
GABA(γ-aminobuttersäure)-abhängige
Rezeptoren statt. An
GABA-vermittelten Chloridkanälen kommt es durch die
Avermectine
zur Potenzierung der Wirkung der Gammaaminobuttersäure (GABA).
GABA spielt eine wichtige Rolle als inhibitorischer Neurotransmitter in
peripheren Unterneuronen von Nematoden und in den
neuromuskulären
Synapsen von Arthropoden, aber auch im Gehirn von Säugern.
GABA
ist für die Übermittlung inhibitorischer Signale von
den
Interneuronen zu den Motorneuronen in Nematoden und von den
Motorneuronen zu den Muskelzellen in Arthropoden verantwortlich. Als
inhibitorischer Neurotransmitter reguliert GABA den Chlorid-Ionen
Einstrom in die Zelle.
Avermectine stimulieren die präsynaptische Freisetzung von
GABA
und erhöhen die Affinität der postsynaptischen
GABA-Rezeptoren für GABA. Durch diese prä- und
postsynaptische Wirkung auf das GABA-System kommt es zu einer
längerfristigen Öffnung der Chloridkanäle
der Membranen
der Nervenzellen und somit zur Blockierung der
Erregungsüberleitung. Da GABA auch im Gehirn von
Säugern
vorkommt, wird die Bindung an GABA-Rezeptoren auch als Ursache
für
die toxischen Wirkungen der Avermectine angesehen.
Als Nebeneffekt wird eine suppressive Wirkung der Avermectine auf
Reproduktionsprozesse der Parasiten beobachtet. In-vitro-Experimente
zeigten, dass die Eier im Uterus der weiblichen Würmer bei
einer
Dosierung ab 10 µg/kg schwer geschädigt und die
Larven
bereits bei Konzentrationen ab 0,0025 µg/ml
abgetötet
werden. Die Schädigung der adulten Würmer tritt ab
5,6
µg/ml ein.
Bei Zecken wird durch Avermectine die Eiproduktion und die
Häutung
unterdrückt. Avermectine verursachen keinen prompten Tod oder
ein
Abfallen der Zecken, aber greift in verschiedene biologische Prozesse
ein, welche für das Überleben der Zecke essentiell
sind (z.B.
Häutung der Nymphe zum Adulten wird gehemmt) und hat
eine
Suppression des Reproduktionspotentials der Zecke zur Folge.
Gegenanzeigen
(Kontraindikationen)
Im
Folgenden sind absolute Gegenanzeiegn (Situationen in denen der
Arzneistoff auf keinen Fall verabreicht werden sollte) und relative
Gegenanzeigen (Situationen in denen der Arzneistoff nur mit Vorsicht
verabreicht werden sollte) aufgelistet. Für
genauere Informationen bzw.
Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum
oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.
Ivermectin sollte nicht bei trockenstehenden Kühen bzw.
laktierenden Kühen, deren Milch für den menschlichen
Verzehr
bestimmt ist, angewandt werden.
Wegen nicht ausreichender Erkenntnisse sollte Ivermectin bei Schweinen
nicht bis zum 40. Tag und bei Pferden nicht bis zum 45. Tag der
Trächtigkeit angewandt werden.
Insbesondere bei Collies, Collie-Mix, Shelties, Bobtails (Old English
Sheepdogs), Australischen Schäfern, Shetland Sheepdogs und
verwandten Rassen sollte Ivermectin nicht eingesetzt werden. Eine
Ausnahme stellt die Herzwurmprophylaxe dar, welche bei allen Hunden als
sicher gilt.
Schildkröten, Chamäleons und sehr kleine Echsen
gelten als
sehr empfindlich gegenüber Ivermectin. Bei Krokodilen sollte
Ivermectin nicht angewandt werden.
Vorsicht bei der Verwendung von Ivermectin im spot-on-Verfahren bei
Singvögeln (ausser Sittiche und Kanarien)! Todesfälle
können auftreten, insbesondere bei Finken.
Ivermectin sollte aufgrund nicht ausreichender Erkenntnisse nicht bei
Kälbern oder Fohlen unter 4 Monaten und bei Hundewelpen unter
6
Wochen angewandt werden.
Nebenwirkungen
(unerwünschte
Wirkungen)
Es handelt sich hier um eine
vollständige
Liste der bekannten Nebenwirkungen, für genauere Informationen
bzw.
Antworten auf Ihre Fragen nutzen Sie bitte das Forum
oder fragen Ihren Arzt oder Apotheker.
Lokale
Nebenwirkungen
Bei der Injektion von Ivermectin kann es zu vorübergehenden,
schmerzhaften Schwellungen an der Injektionsstelle kommen. In der Regel
verschwinden diese ohne Therapie innerhalb kurzer Zeit. Eine schwere
Komplikation beim Pferd stellt die Invasion von Clostridium spp. dar,
welche ohne Therapie tödlich enden kann. Diese ist meist auf
den
Gebrauch kontaminierter Nadeln zurückzuführen.
Auch beim Aufguss- oder Spot-onverfahren kann es vorübergehend
zu
Hautirritationen an der Applikationsstelle kommen. Bei Katzen wurden
vereinzelt Alopezie und leichte Schuppenbildung beobachtet.
Systemische
Nebenwirkungen
Überempfindlichkeitsreaktionen / anaphylaktische Reaktionen:
Diese wurden bisher nur beim Pferd und beim Hund beobachtet.
Beim Pferd ist dies die häufigste Nebenwirkung. Es kommt zu
Juckreiz und/oder Ödembildung an der ventralen Mittellinie.
Dies
wird durch absterbende Mikrofilarien bei Behandlung der Onchozerkose
hervorgerufen. Unbehandelt verschwindet die Schwellung nach ca. 5 - 10
Tagen, der Juckreiz nach etwa 3 Wochen. Durch Gabe eines
Glukokortikoids kurz vor und 1 - 2 Tage nach Ivermectingabe
lässt
sich diese Reaktion eventuell vermeiden
Beim Pferd wurden auch, aber viel seltener, Lid- und
Gliedmassenödeme beobachtet.
Beim Hund können bei der Behandlung von Dirofilaria immitis
schock-ähnliche Reaktionen durch absterbende Mikrofilarien
hervorgerufen werden. Als häufigste Symptome wurden Schock
(blasse
Schleimhäute, Tachypnoe, schneller, schwacher Puls,
Schwäche), Dyspnoe, Erbrechen, Pyrexie und Ataxie beobachtet.
Diese treten etwa 5 Stunden nach der Behandlung auf.
Die Behandlung besteht in einer symptomatischen und
unterstützenden Schocktherapie, einschliesslich Gabe von
Kortikosteroiden und Flüssigkeit.
Die wiederholte subkutane Injektion der Mizellen-Lösung
führte bei Hunden ebenfalls zu anaphylaktischen Reaktionen. Es
kam
zu Erythemen, Ödeme am ventralen Abdomen, an den Beinen, den
Ohren
und im Gesicht und zu Depression. Die Symptome traten 12 Minuten bis 24
Stunden nach Applikation auf und hielten etwa 20 Stunden an. Als
auslösendes Agens wurde das in der Mizellen-Formulierung
enthaltene Polysorbat 80 identifiziert. Dieses ist ebenfalls in der
Injektionszubereitung für Pferde enthalten, ruft jedoch in
dieser
Spezies keine vergleichbaren Reaktionen hervor.
Lethargie/Anorexie:
Lethargie und/oder Anorexie werden häufig bei Vögeln
beobachtet. Besonders Finken und Wellensitiche sind empfindlich
gegenüber Ivermectin.
Auch Ratten sind häufig am Tag nach der Ivermectinbehandlung
sehr träge.