Wirkungsmechanismus der
AT1-Antagonisten (Sartane)
Das
aktive Hormon des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) ist
Angiotensin II, das u. a. durch Einwirkung von ACE (angiotensin
converting enzym, Kininase II) aus Angiotensin I unter Abspaltung
zweier Aminosäuren am C-terminalen Ende des Decapeptids
gebildet wird.
Angiotensin II bindet an spezifische Rezeptoren, die sich an den
Zellmembranen verschiedener Gewebe befinden. Die Substanz besitzt eine
Vielzahl physiologischer Wirkungen, insbesondere beeinflusst sie direkt
und indirekt die Regulierung des Blutdrucks. Angiotensin II ist ein
starker Vasokonstriktor und hat daher eine direkte pressorische
Wirkung. An der indirekten Blutdruck-Steigerung sind eine Aktivierung
des sympathischen Nervensystems, eine vermehrte Freisetzung von
Aldosteron sowie Natrium- und Wasser-Retention beteiligt. Angiotensin
II spielt eine Rolle in der Pathophysiologie des Bluthochdrucks, der
Herzinsuffizienz sowie anderer kardiovaskulärer Erkrankungen
und hat
darüber hinaus Bedeutung in der Pathogenese der
Endorgan-Hypertrophie
und -Schädigung.
Für Angiotensin II sind 2 endogene Rezeptoren, der AT1-
und der AT2-Rezeptor bekannt. Der AT1-Rezeptor
ist in vielen Geweben vor allem in adulten Geweben (z. B. glatte
Gefäßmuskulatur, Nebenniere, Niere, Herz) zu finden.
Eine Aktivierung
des Rezeptors durch Angiotensin II ruft wichtige biologische Wirkungen
wie z. B. Vasokonstriktion, Aktivierung des sympathischen
Nervensystems, Freisetzung von Aldosteron, Vasopressin und
Katecholaminen, Gluconeogenese, Glykogenolyse, Förderung der
Natrium-Retention und Proliferation glatter Muskelzellen hervor. Der AT1-Rezeptor
ist ein G-Protein-gekoppelter Rezeptor.
Die biochemischen und funktionellen Eigenschaften des AT2-Rezeptors
sind bisher weniger gut bekannt. Er reguliert die Aktivität
des
Wachstumsfaktors, beeinflusst die Zellproliferation und ist an der
fetalen Differenzierung und Entwicklung beteiligt. Die AT2-Rezeptoren
sind vor allem in fetalen Geweben weit verbreitet. In der
Postnatalperiode nimmt ihre Dichte jedoch ab. In adulten Geweben finden
sich AT2-Rezeptoren in geringer Dichte im Uterus
und in den
Eierstöcken sowie in der Niere und Nebenniere, im Herzen und
im ZNS.
Unter bestimmten Bedingungen, z. B. nach experimenteller
Myokardhypertrophie, Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz, können
AT2-Rezeptoren jedoch offensichtlich
re-exprimiert oder heraufreguliert werden. Der AT2-Rezeptor
soll gegenteilige Effekte zum AT1-Rezeptor
bewirken, wie z. B. Vasodilatation und Antiproliferation. Die
Signaltransduktion des AT2-Rezeptors erfolgt
nicht über ein G-Protein.
Angiotensin II-Rezeptor-Antagonisten blockieren kompetitiv die Wirkung
von Angiotensin II am AT1-Rezeptor.
Möglicherweise hemmen AT1-Antagonisten
das Renin-Angiotensin-System effektiver als ACE-Hemmer. ACE bildet nur
einen Teil (ca. 15 %) des im Organismus entstandenen Angiotensin II.
Durch Blockade des AT1-Rezeptors ist es auch
möglich die
Wirkung des auf anderen Wegen entstehenden Angiotensin II (z. B. durch
die Enzyme Chymase, Cathepsin G und Elastase) zu antagonisieren.
Alle Blutdruck-relevanten physiologischen und pathologischen Effekte
von Angiotensin II werden über den AT1-Rezeptor
ausgelöst.
An
den Widerstandsgefäßen kommt es über den
second messenger Inositol
triphosphat zu einer Calcium-Freisetzung, die zu einer
Erhöhung der
Kontraktilität führt. An der Nebennierenrinde
aktiviert cAMP als second
messenger eine Proteinkinase, die eine gesteigerte Produktion von
Aldosteron hervorruft. Aldosteron seinerseits erhöht die
Rückresorption
von Natrium- und die Ausscheidung von Kalium- und Wasserstoff-Ionen.
Gleichzeitig wird Wasser retiniert.
Unter anderem bei Natrium-Mangel
im Blut und Abnahme der Nierendurchblutung wird Renin freigesetzt,
welches über Angiotensin die Aldosteron-Ausschüttung
fördert.
Angiotensin
II erhöht direkt den Filtrationsdruck am Vas efferens. (Da die
Aldosteron-Sekretion durch die Angiotensin-Antagonisten nicht
vollständig gehemmt wird, wurde über eine
Hyperkaliämie bisher noch
nicht berichtet.)
Über eine an den Calcium-Kanal gekoppelte
Reaktion erhöht Angiotensin die exozytotische
Natrium-Freisetzung aus
den sympathischen Nervenendigungen. Angiotensin kann die
Zellproliferation und Migration entweder indirekt über eine
Proteinkinase oder durch direkte Bindung an die AT1-Rezeptoren
des Zellkerns induzieren.
Durch die Blockade der AT1-Rezeptoren
werden die Aktivität der Phospholipase C, konsekutiv die
Synthese von
Inositol triphosphat und Diacylglycerol und damit die Blutdruck
steigernden Wirkungen von Angiotensin kompensiert (Senkung der
intrazellulären Calcium-Freisetzung aus dem endoplasmatischen
Retikulum). Die durch AT1-Antagonisten
verursachte
Blutdruck-Senkung ist nur im Niedrigbereich dosisabhängig. Die
Effektivität nimmt nach Überschreiten einer optimalen
Wirkstoff-Konzentration nur noch marginal zu.
Die antiproliferative Wirkung der AT1-Antagonisten
ist auf die Hemmung von Phospholipasen (und der davon
abhängigen
Transkription entsprechender messenger-RNS) zurück zu
führen.
Auf
Grund des Wegfalls der negativen Rückkopplung von Angiotensin
II auf
die Renin-Bildung kommt es zum Anstieg der
Plasma-Renin-Aktivität (PRA)
und damit zum Anstieg der Plasma-Angiotensin II-Konzentration. Die
antihypertensive Wirkung und die Suppression der
Plasma-Aldosteron-Konzentration bleibt dennoch erhalten, was auf eine
effektive Angiotensin II-Rezeptor-Blockade hinweist. Reflex-Tachykardie
wird bei der Behandlung von Hypertonikern nicht beobachtet.
Der
Fett-Stoffwechsel wird durch die Substanzen nicht negativ beeinflusst.
Bei Patienten mit nephrotischem Syndrom dagegen werden die
Konzentrationen von Lipoprotein (a), Apolipoprotein B, LDL- und
VLDL-Cholesterol gesenkt. Bei dieser Patientengruppe wird, wie auch
durch ACE-Hemmer, eine Proteinurie vermindert, da bei
unveränderter
glomerulärer Filtrationsrate (GFR) der renale Blutfluss
erhöht wird.
Ist das Renin-Angiotensin-System jedoch stimuliert, z. B. durch
Natriumchlorid-Verarmung oder durch eine Nierenarterienstenose, dann
können AT1-Antagonisten, ebenfalls in
Analogie zu den ACE-Inhibitoren, die GFR bis hin zum akuten
Nierenversagen verringern.
Da durch die AT1-Blockade
auch die Proteinsynthese, Zellproliferation und Migration glatter
Muskelzellen gehemmt werden, kann sich eine Behandlung mit Angiotensin
II-Rezeptor-Antagonisten günstig auf die Entwicklung einer
linksventrikulären Hypertrophie auswirken.
Auf dem Markt befindliche AT1-Rezeptor-Antagonisten
sind: