Lokalanästhetika
heben ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins
vorübergehend die Schmerzempfindung auf, indem sie regional
begrenzt
die Erregbarkeit der sensorischen Nervenendigungen sowie das
Leitungsvermögen sensibler Nervenbahnen ausschalten. Ihre
Wirkung
beschränkt sich im Allgemeinen auf den Ort der Applikation und
wird
durch Diffusionsprozesse wieder beendet. Die verschiedenen erregbaren
Nervenstrukturen sind gegenüber Lokalanästhetika
unterschiedlich
empfindlich: So fallen bei therapeutischen Konzentrationen zuerst die
dünnen Fasern, die den Schmerz leiten, aus. Erst bei
höheren
Dosierungen werden auch die Weiterleitung von Berührung und
Druck sowie
motorische Nervenfasern mit größerem Durchmesser
beeinträchtigt.
Der
Wirkmechanismus der Lokalanästhetika beruht auf einer Blockade
spannungsabhängiger Natrium-Kanäle, durch die der
schnelle
Natrium-Einstrom und damit die Depolarisation und Weiterleitung von
Aktionspotentialen verhindert werden. In höheren
Konzentrationen hemmen
Lokalanästhetika auch andere Ionenkanäle.
Lokalanästhetika dringen
vom Zellinneren in den geöffneten Natrium-Kanal der
Zellmembran ein und
blockieren durch Besetzung einer spezifischen Bindungsstelle dessen
Leitfähigkeit.
Eine direkte Wirkung des in die Zellmembran eingelagerten
Moleküls ist demgegenüber von untergeordneter
Bedeutung.
Voraussetzung
für die Ionenkanal-Blockade ist, dass das
Lokalanästhetikum in
protonierter Form vorliegt. Um jedoch überhaupt zu den
Natrium-Kanälen
gelangen zu können, müssen die
Lokalanästhetika-Moleküle in der
Lipid-löslichen, nicht-protonierten Form vorliegen, um in bzw.
durch
die Zellmembran des Axons diffundieren zu können. Auf Grund
der
chemischen Struktur der Lokalanästhetika liegt in
wässriger Lösung ein
Gleichgewicht zwischen protonierter und nicht-protonierter Form vor,
dessen Lage vom pKa-Wert des Lokalanästhetikums sowie vom
pH-Wert des
Gewebes am Applikationsort abhängt. So ist etwa in
entzündetem Gewebe
die Wirksamkeit herab gesetzt, da wegen des niedrigeren pH-Werts das
Gleichgewicht zu Gunsten der protonierten Form verschoben ist, was zu
einer Verminderung des Penetrationsvermögens führt.
Je nach Applikationsart wird zwischen Leitungs-, Oberflächen-
und Infiltrationsanästhesie unterschieden.
Bei
der Leitungsanästhesie werden bestimmte Nerven umspritzt, um
diese
gezielt ausschalten zu können. Spinal-, Peridural- und
Paravertebralanästhesie werden der Leitungsanästhesie
zugerechnet.
Bei
der Oberflächenanästhesie wird das
Lokalanästhetikum auf Wundflächen
oder Schleimhäute appliziert, von wo es zu den sensiblen
Nervenendigungen diffundiert. Da Lokalanästhetika die
Hornschicht nicht
durchdringen können, sind sie auf intakte Epidermis
aufgebracht nahezu
unwirksam. Bei der Infiltrationsanästhesie wird das
Lokalanästhetikum
in das Gewebe injiziert, was zu einer Durchtränkung des
Gewebes führt.
Dadurch werden außer den Nervenendigungen auch kleinere
Nervenstämme
ausgeschaltet.
Eine weitere Applikationsmöglichkeit von
Lokalanästhetika ist die intravenöse
Regionalanästhesie im Bereich der
Extremitäten, bei der eine Blutleere erzeugt wird, die den
Abfluss
größerer Lokalanästhetika-Mengen in den
systemischen Kreislauf
verhindert.
Da die meisten Lokalanästhetika (außer Lidocain,
Mepivacain, Prilocain) vasodilatierend wirken, werden sie
häufig mit
einem Zusatz vasokonstriktorischer Substanzen angewendet, die den
Abtransport des Lokalanästhetikums verzögern und
damit die
Wirkungsdauer verlängern und die systemische
Toxizität reduzieren
sollen.
Komplikationen der Lokalanästhetika-Anwendung sind vor
allem zentralnervöse und kardiale Reaktionen auf Grund
versehentlicher
intravasaler Applikation oder einer zu hohen Dosis sowie allergische
Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock, die bei
Lokalanästhetika vom Ester-Typ (Benzocain, Procain, Tetracain)
häufiger
auftreten als bei Lokalanästhetika vom Amid-Typ (Lidocain, Prilocain,
Mepivacain, Bupivacain, Ropivacain, Articain).
Die ZNS-Toxizität korreliert gut mit der
anästhestischen Potenz eines Lokalanästhetikums.
Die
negativ dromotropen und negativ chronotropen Effekte werden v. a. zur
antiarrhythmischen Behandlung bei tachykarden
Herzrhythmusstörungen
genutzt.
Lokalanästhetika weisen in hoher Dosierung durch Hemmung der
Acetylcholin-Freisetzung einen Curare-ähnlichen Effekt auf.