Wirkungsmechanismus der
selektiven
Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI) und
Serotonin-Noradrenalin-Reuptake-Inhibitoren (SNRI)
A) Selektive
Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI):
Der Wirkmechanismus der selektiven Serotonin-Reuptake-Hemmer (SSRI) ist
nicht exakt geklärt. Die selektive Hemmung der Wiederaufnahme
von
Serotonin (5-HT) aus dem synaptischen Spalt in präsynaptische
Neuronen und die dadurch erhöhte Verfügbarkeit
dürften
den therapeutischen Effekt entscheidend bestimmen. Die antidepressive
Wirkung der SSRI lässt sich aber nicht
ausschließlich mit
der Beeinflussung der Serotonin-Wiederaufnahme erklären: So
tritt
die Wiederaufnahmehemmung innerhalb sehr kurzer Zeit nach der
Applikation ein, beim antidepressiven Effekt ist dagegen eine
Latenzzeit bis zum Wirkeintritt zu beobachten. Es wird daher
angenommen, dass bei längerer Anwendung Veränderungen
auf
Rezeptorebene induziert werden. So soll etwa Fluvoxamin die serotonerge
Neurotransmission durch Herabsetzen (down-Regulation) der Zahl der
präsynaptischen inhibitorischen Autorezeptoren
verstärken.
Zu den SSRI gehören Fluoxetin,
Fluvoxamin, Paroxetin,
Citalopram
und Sertralin.
Wirkspektrum und Verträglichkeitsprofil dieser
Substanzen sind ähnlich. Unterschiede bestehen vor allem in
der
Pharmakokinetik: So bedingt die relativ lange Plasmahalbwertszeit von
Fluoxetin (4 Tage, aktiver Metabolit Norfluoxetin 7 Tage) beim
Auftreten von Interaktionen eine relativ lange Wartezeit nach Absetzen
der Substanz. Auch die Hemmung der Cytochrom-P-450-Isoenzyme ist bei
den einzelnen SSRI unterschiedlich stark ausgeprägt. Am
geringsten
blockierend wirkt Citalopram, das deshalb im Hinblick auf
pharmakokinetische Interaktionen die wenigsten Probleme erwarten
lässt.
Alle SSRI haben gegenüber den tricyclischen Antidepressiva
weniger
anticholinerge und kardiovaskuläre Nebenwirkungen, sind
weniger
stark sedierend und verursachen seltener eine Gewichtszunahme.
SSRI haben eine größere therapeutische Breite als
die
tricyclischen Antidepressiva, d.h. sie sind bei Überdosierung
und
Intoxikationen weniger toxisch. Die Kombination von SSRI und
Monoaminoxidase-Hemmern (MAO-Hemmern) ist wegen der Gefahr eines
potentiell lebensbedrohlichen Serotonin-Syndroms kontraindiziert.
B)
Serotonin-Noradrenalin-Reuptake-Inhibitoren (SNRI):
Serotonin-Noradrenalin-Reuptake-Inhibitoren (SNRI) hemmen die
Wiederaufnahme von Serotonin (5-HT) und Noradrenalin in die
präsynaptischen Nervenendigungen und erhöhen somit
die
extrazelluläre Konzentration der Neurotransmitter im
präfrontalen Cortex und Hypothalamus.
Im ZNS geht eine Hemmung der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme mit
stimmungsaufhellenden Effekten einher. In Nervenzentren des sakralen
Rückenmarks wirkt derselbe Mechanismus auf die
Blaseninnervation
und steigert die Sphinkterverschluss.
Auch die SNRI scheinen aufgrund Ihres Wirkmechanismus mit einer
verringerten Nebenwirkungs-Inzidenz verbunden zu sein. Neuere
Substanzen, wie Duloxetin, haben zusätzlich noch eine nicht
signifikante Affinität für histaminerge, dopaminerge,
cholinerge und adrenerge Rezeptoren.