Wirkungsmechanismus der
tricyclischen Antidepressiva (TCA)
Bei
den
tricyklischen Antidepressiva (TCA) handelt es sich um basisch
substituierte tricyclische Diphenylamin- und Diphenylmethan-Derivate,
mit ausgeprägten Struktur-Wirkungs-Beziehungen: je weniger das
Dreiringsystem planarisiert ist, desto größer ist im
Allgemeinen die antidepressive Wirkung. Die TCA lassen sich je nach
herausragender Wirkungskomponente nach Kielholz und Pöldinger
drei
verschiedenen Typen zuordnen:
- TCA vom Desipramin-Typ wirken depressionslösend,
stimmungsaufhellend und fast gleich stark antriebssteigernd
(psychomotorisch aktivierend)
- TCA vom Imipramin-Typ weisen die größte
stimmungsaufhellende Wirkung auf, psychomotorisch aktivierende und
dämpfende Effekte sind ungefähr ausgeglichen (gleich
niedrig)
- TCA vom Amitriptylin-Typ schließlich verfügen
über
ähnlich große den Antrieb steigernde Wirkungen wie
die
Desipramin-Typ-TCA, die 2. Hauptwirkung ist hier jedoch die
psychomotorische Dämpfung (Antriebshemmung und Anxiolyse).
Der exakte Wirkungsmechanismus der TCA ist noch nicht geklärt,
jedoch ist ein Eingriff in den Monoamin-Stoffwechsel und in die
Neurotransmitter-Rezeptor-Wechselwirkungen experimentell abgesichert.
TCA besitzen in unterschiedlichem Ausmaß eine
Reuptake-Hemmung
von Noradrenalin (NA) und/oder Serotonin (5-HT) aus dem synaptischen
Spalt ins Axoplasma.
Sekundäre Amine hemmen vorrangig die Wiederaufnahme von NA
(und
haben eher den Antrieb steigernde Wirkung), tertiäre Amine
hemmen
stärker den 5-HT-Reuptake (und wirken im Allgemeinen
stärker
stimmungsaufhellend).
Zusätzlich werden präsynaptische alpha2-Rezeptoren
(negativer
Feed-back für die NA-Freisetzung) blockiert. Zusammen mit der
NA-Reuptake-Hemmung führt dies zu einem Überangebot
von NA im
synaptischen Spalt. Dies wiederum löst eine Reihe von
Gegenregulationen aus: es kommt präsynaptisch zu einer
alpha2-Supersensitivität (Up-Regulation; verminderte
NA-Synthese),
postsynaptisch zu einer Subsensitivität von beta1-Rezeptoren,
die
über stimulierende G-Proteine an die Adenylatcyclase gekoppelt
sind (Down-Regulation; geringere Produktion des second messenger cAMP)
sowie zu einer Up-Regulation von (postsynaptischen) alpha1-Rezeptoren
(unabhängig von einer direkten alpha1-Rezeptor-blockierenden
Aktivität des TCA).
Weiterhin blockieren TCA verschiedene Rezeptoren, u.a. cholinerge,
alpha-adrenerge und histaminerge Rezeptoren. So sind z.B. Amitriptylin
und Doxepin ausgeprägte Histamin (H1)-Rezeptor-Antagonisten
mit
entsprechend stark sedierender Wirkung und mittelstarke Histamin
(H2)-Rezeptor-Antagonisten, woraus eine Hemmung sowohl der basalen als
auch der (durch Histamin, Gastrin, vagale Stimulation) stimulierten
Salzsäure-Bildung in den Belegzellen der Magenschleimhaut
resultiert. Die tertiären Amine sind Antagonisten an
m-Cholino-
und an alpha1-Adrenozeptoren (hypotensiver Effekt). Antagonisiert
werden auch die Rezeptoren für 5-HT (5-HT1, 5-HT2, 5-HT3) z.B.
von
Amitriptylin und Nortriptylin. Die Stimulation des 5-HT2-Rezeptors hat
eine Aktivierung der Phospholipase C zur Folge, wodurch vermehrt der
second messenger Inositoltriphosphat gebildet wird, was letztlich zur
Mobilisierung von intrazellulärem Calcium führt.
Dieser
Mechanismus wird folglich durch 5-HT2-Blockade unterbunden bzw.
eingeschränkt. Somit verändern sich unter
TCA-Therapie sowohl
die Monoamin-Konzentrationen als auch die Rezeptorendichte der
verschiedenen Neurotransmitter-Systeme und man erklärt daher
die
antidepressive Wirkung mit einem regulativen Eingriff in die zentrale
neuronale Übertragung bzw. mit einer Verstärkung oder
Abschwächung der Funktion von sekundären Botenstoffen.
Letzteres ist auch wichtig für einen weiteren Aspekt
hinsichtlich
chronopharmakologischer Modelle der Depression: der zirkadiane Rhythmus
der Körperfunktionen ist bei depressiven Patienten im
Vergleich zu
gesunden Personen phasenverschoben (Phasenverkürzung, messbar
z.B.
an der cAMP-Konzentration). Somit greifen die TCA neben dem
Monoamin-Stoffwechsel wohl auch in den Biorhythmus ein. Es wird
angenommen, dass experimentell nachweisbare
Langzeitveränderungen
in der Reaktivität des neuroendokrinen Systems (Somatotropin,
Melatonin, endorphinerges System) am Wirkmechanismus von TCA beteiligt
sind.
Allen TCA gemeinsam ist eine ausgeprägte kardiotoxische
Wirkung,
v.a. bei Überdosierung, die an EKG-Veränderungen
(u.a.
QRS-Verbreiterung, Abflachung oder Inversion der T-Welle) zu erkennen
ist und sich in Arrhythmien und Tachykardie, oft verbunden mit
orthostatischer Dysregulation äußert.
Amitriptylin hydrochlorid und Amitriptylinoxid sind in allen
verhaltenspharmakologischen und biochemisch-pharmakologischen
Experimenten, die derzeit als Modelle bei der Suche nach
antidepressiven Substanzen benutzt werden, wirksam.
Amitriptylinoxid weist ein dem Amitriptylin vergleichbares Wirkspektrum
auf, allerdings mit geringeren sedierenden Eigenschaften als
Amitriptylin.
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